GST024 – Wohnen an Bord mit Holger Peterson

Wie wir im Norden segeln

Buchautor Holger Peterson lebt auf seinem Schiff. In unserem Interview erzählt er über das Leben an Bord, das geeignete Schiff und erklärt uns ein Rettungsmanöver, das er entwickelt hat.




Holger Peterson privat:

54 Jahre, verheiratet in zweiter Ehe mit meiner Jugendliebe. Zwei erwachsene Söhne aus erster Ehe und eine 12-jährige Stieftochter. Auf das Sabbatjahr und einen einjährigen Törn nach Südamerica im Jahr 2012 habe ich verzichtet, stattdessen meine wiedergefundene Jugendliebe mit 30 Jahren Verspätung geheiratet: Lieber mit zwei Blondinen nach Norderney, als allein um Kap Hoorn. Das kann warten :=))

Wie bist Du zum Segeln gekommen?

Ein Faltboot habe ich als zehnjähriger Junge gekauft, bin an der Aller bei Celle aufgewachsen. Die zentrale Frage, die mich seit 44 Jahren antreibt: Was liegt hinter der nächsten Kurve?

Erst später folgten Motorradreisen, Motocrossrennen – und mit 24 als junger Vater holte ich das Faltboot meiner Kindheit wieder vom Dachboden, schlug zum ersten Mal ein Segel an und lernte auf der Aller, wie das funktioniert. Danach hatte ich acht Trailer- und Hochseeyachten mit Liegeplätzen auf Flüssen, dem Steinhuder Meer, der Ost- und der Nordsee, bis die Freuide am Schreiben und Fotografieren dazu kam.

Charterst Du?

Niemals. Seefahrt und mein emotionales Verhältnis zum eigenen Boot sind untrennbar verbunden. Sonst mache ich nur Testfahrten als Autor – von der Hansekogge bis zur HighTechYacht.

Möchtest Du Dir ein eigenes Schiff kaufen oder hast Du vielleicht bereits eins?

Unsere Reinke 11 S aus Alu ist unser Traumschiff, siehe mein Buch „Mein Boot ist mein Zuhause“. Größer als sie darf ein Boot nicht sein, weil wir sonst das Optimum der Freiheit wieder verlieren würden.

Hier geht’s zu einem NDR-Beitrag mit einigen Einblicken in Holgers Leben und seine Fuchur.

Hast Du ein Traum-Schiff?

Es gibt kein Traumschiff. Entweder sind wir mit dem Boot glücklich, das wir uns leisten können, oder wir haben den Sinn des Segelns nicht verstanden. Ich bin mehrfach zwischen 6 und 11 Meter langen Booten gewechselt. Die Freude auf dem Wasser hat mit der Bootsgröße nichts zu tun. Und wenn ich einmal im Jahr wieder das Faltboot vom Dachboden meiner Elter hole, bin ich vollständig glücklich und möchte es am liebsten wieder auf dem Autodach festschnallen, um mit dem Zelt nach Norwegen zu fahren. Aber ein Törn im Winter bei Hochwasser durch vergessene Altarme, die nur bei Überflutungen Wasser führen, ist unglaublich schön.

Ergo: Nach zwei Tagen in der Kajüte einer Hai 710 fühlt man sich ebenso wohl, wie zuvor in einem Rumpf mit Badewanne. Vor der Hai 710 hatte ich insgesamt drei Boote und jetzt die besagte Badewanne in der Reinke S 11. Aber dazu gehört auch verdammt viel Technik, um den Komfort zu betreiben. Allerdings: Es ist unser Zuhause, auch bei 10 Grad minus jederzeit fahrbereit.

Welches Revier befährst Du im Moment am liebsten?

Im ostfriesischen Wattenmeer und der dänischen Südsee. Und wenn es passt: Anlegen im Hafen von Amrum, einen Whisky in der Blauen Maus und über den Dünenwanderweg zum Kniepsand laufen.

Wenn Geld keine Rolle spielte, wie sähe Deine seglerische Zukunft aus?

Geld spielt keine Rolle mehr, weil wir unser Traumschiff haben und nur noch darauf warten, dass unsere Tochter erwachsen ist. Beruflich abgesichert, leben wir dann nur noch an Bord. Unsere Häuser haben wir nie vermisst – zu viel Besitz belastet nur. Außerdem haben Häuser verdammt schlechte Segeleigenschaften. Das gilt auch für Wohnmobile …

Uns fehlt noch die Zeit für mehr als sechs Wochen am Stück. Aber der Ruhestand in sieben Jahren ist absehbar. Bis dahin leben wir an gut 300 Tagen im Jahr an Bord. Wo das Boot gerade liegt, ist zweitrangig, wie es die Urlaubsziele sind. Wir planen nicht, legen ab und richten uns allein nach Wind und Wetter. Mit der FUCHUR kommen wir bei einem Tiefgang von nur 1,30 und einer Breite von 3,46 in jedem Hafen unter. Trockenfallen kann man auf den Kimmkielen und bei 12 Metern Länge passen wir an Fingerstege.

Welches ist Dein Lieblings Gegenstand am Boot oder welches Teil magst Du besonders und warum?

Der Heizlüfter ECOMAT 2000, der im Winter nie aus ist, mit 450 Watt auskommt und mit dem wir in den fünf kalten Monaten mit 400 Euro an Energiekosten komfortabel und sparsam leben. Selber schuld, wer sein Boot durchgehend mit einer Dieselheizung betreibt. Wir haben sie auch, aber nur zum kurzzeitigen Durchheizen. Das Bad war etwas frisch, aber da hängt jetzt eine sparsame Infrarotheizplatte und sorgt durchgehend für 19 Grad. Neuerding habe ich einen Superwind-350-Generator auch ins Herz geschlossen, die StayAfloat-Paste, das Dirko-Motorendichtungsmittel, die Hardy-Kraftstoffpumpe, ein Gurkenglas mit Luftentfeuchtertablette gegen Dieselpest, die kugelgelagerten Mastrutscher – aber erst, seit die Schräubchen mit Loctite eingesetzt wurden …

Wenn es um das Segeln geht

Keine Scheuklappen vor besonderen Revieren. Ein Fluß vor der Haustür kann wunderschön sein. Und keine Angst vor der Nordsee, nur Respekt vor den Seegatten. Weg mit dem Kartenplotter, her mit dem Echolot und dem Deuten von Wellenbildern. Wenn die Autobahnen zur Nordsee leerer sind, als die Autobahnen zu Ostsee, kann die Nordsee die besten und familienfreundlichesten Reviere bieten. Aber um Panoramen genießen zu können, muss man erst die Bordtechnik und die Sicherheitstechnik beherrschen. Wenn das geschafft ist, kommt eine Prise von Tiergeschichten und Lebengeschichten besonderer Menschen hinzu, die man unterwegs trifft. Das gibt eine leckere Segelsuppe

Welche Buchempfehlung kannst Du unseren Hörern mitgeben?

„Tagedieb und Taugenichts“ von Hugo Wehner „Gewittersegeln“ von Millemari-Autoren



Unter www.gluexpiraten.de/audiobooks bekommst Du fast alle Titel als Gratis-Hörbuch im kostenlosen Probeabo. Gleich hier ausprobieren!

Welchen Fehler hast Du mal auf oder an dem Schiff gemacht und was war die wichtigste Lektion daraus?

Wie lang ist Eure Seite? Ich habe jede Menge Fehler gemacht, weil ich stets ein Autodidakt war und nie eine Segelschule besucht habe. Seekrankheit in einem nicht vorhergesagten Nordseesturm hat trotz Wetterberatung beinahe Leben und Boot gekostet, bis ich von Professor Jarisch (Histamin und Seekrankheit) gelernt habe, sie zu vermeiden ist. Das Lernen hört ja nie auf, auch nicht nach 30 Jahren auf dem Wasser.

Aber ich lerne aus Fehlern, suche Lösungen und entwicklte daraus zusammen mit meiner Frau ein neues Bergungsmanöver. Meine Frau rettet mich jetzt allein in sechs Minuten, inklusive Ansteuerungsmanöver und Leinenverbindung … wenn sie will:=)) Der Rotek-Hebelzug kostet dabei ganze 70 Euro.

Was empfiehlst Du jemandem, der mit dem Segeln beginnen oder sich weiter entwickeln möchte?

Im Zuge der weltweiten Krisen gibt es einen Trend zum Urlaub im eigenen Land. Und: Ich will nicht 30 Jahre auf die „große Fahrt“ warten, sondern das Bordleben jetzt schon genießen. Das Ei des Kolumbus liegt nicht in der Karibik, sondern in der Glückseligkeit der eigenen Kajüte auf dem Frühstückstisch – egal, wo das Boot gerade dümpelt. Wo also könnten Urlaub und Alltag schöner sein, als auf dem Wasser?

Daher: Den Sportbootführerschein für das Grundwissen, dann ganz schnell ein eigenes Boot ab 7 Meter für den Grundkomfort: Die See und das Boot sorgen für eine ganzheitliche Ausbildung, wenn man sich zunächst mit dem Boot und der Rolle des verantwortlichen Eigners identifiziert, um dann Schritt für Schritt die Törns zu erweitern und sich vorher bei alten Hasen zu erkundigen. Bei meinem ersten Nordseetörn war ich Skipper an Bord meines zweiten Kajütbootes, einer Mirage 28, aber ein erfahrener Seebär korrigierte meine Anfängerfehler, bis wir durch den NOK die Ostsee erreicht hatten.

Welchen „letzten Tipp“ kannst Du uns und unseren Zuhörern mit auf dem Weg geben?

Bleib vor einen Boot stehen, frag die Crew nach irgendeinem Detail, und Du wirst im weiteren Gespräch garantiert eine Geschichte oder einen Tipp bekommen, den Du verwenden kannst. Bootfahrer sind niemals einsam, wenn sie gelernt haben, zuzuhören.

Wie kann man Dich erreichen, wenn man Fragen an Dich hat oder mit Dir in Kontakt kommen möchte?

Gerne per Mail: segler153@googlemail.com

Notizen:

Wenn Du dann ein Boot hast, begreife es als Raumschiff, für dessen Zustand Du verantwortlich bist und dessen hinterste Winkel Du kennen solltest. Dafür bedankt es sich und ermöglicht es, in einem faszinierend lebensfeindlichen Kontinuum zu überleben, den Kopf in das Kissen zu kuscheln und aus dem Kojenfenster die Welt zu entdecken. Das ist etwa so, wie beim kleinen Häwelmann in seinem Kinderbettchen, mit dem er durch den Wald segelt.

One thought on “GST024 – Wohnen an Bord mit Holger Peterson

  1. Heiko Müller says:

    Hallo Babsi und Eric,

    ihr werdet immer besser. Danke für eure Arbeit!

    Zuletzt haben mich die Interviews mit Holger Peterson sehr angesprochen. Ich segle selbst auf der Nordsee rum und kann fast jeden Satz von ihm unterschreiben, besonders seine Philosophie zu guten Booten. In Sachen Hooksiel hat Holger verständlicherweise seine ganz eigene Brille auf. Tatsächlich ist die Marina für ihn als „Bootsbewohner“ ideal: bestens geschützt, prima Infrastruktur, moderate Preise. Jedoch für Normal-/Familiensegler-Wochenendtrips zum Beispiel zu den Ostfriesischen Inseln ist Hooksiel nicht allein wegen der Schleuse für mich eher zweite Wahl. An normalen Wochenenden kommt kaum weiter als bis Wangerooge.

    W´ooge oder auf der Jade segeln ist natürlich prima, aber was die Vielfalt der Möglichkeiten angeht, will ich doch mal meinen Heimathafen des SVH-Bensersiel ins Spiel bringen. Wer Lust hat, das phantastische Revier der OFI zu erkunden, findet hier eine prima Basis. Wir liegen zentral hinter den Inseln, haben Wangerooge, Spiekeroog, Baltrum, Norderney und Juist in Wochenend-Schlagdistanz vor der Haustüre. Nach Langeoog segeln wir in gut einer, nach Helgoland in etwa sieben Stunden. Gastliegeplätze hält unser Stegwart Frank natürlich auch immer vor.

    Ich freue mich schon auf eure weiteren Interviews mit Gesprächspartnern, die etwas Relevantes zu sagen haben.

    Herzliche Grüße
    Heiko

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