Törnbericht Kat-Überführung – Teil 4

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Törnbericht Kat-Überführung – Teil 4

Samstag, 20. Februar 2016, irgendwann morgens

Verschiedene Vorstellungen von Zeit

Die Zeit plätschert so dahin...

Die Zeit plätschert so dahin…

Ich schätze, für ein Leben als Segler sollte ich meinen Rhythmus noch gehörig umstellen. Gut. Ich war begierig auf’s Segeln. Wollte endlich los. Das hat meine Grundstimmung natürlich etwas, sagen wir, intensiviert.

Nachdem Skipper Philipp also gestern sagte, daß es heute früh wirklich losgehen sollte, dachte ich: Aufstehen, kurzes Frühstück, ablegen, los geht’s. Das war meine Vorstellung. Dazu kommt natürlich die Tatsache, daß ich nur einen Bruchteil dessen verstehe, was an Bord gesprochen wird. Ich bin hier unter zwei Franzosen und einem Belgier. Da ist die Amtssprache an Bord natürlich französisch. Da hab ich in der Schule andere Pläne gehabt. Doof eigentlich.

Die drei Herren wollen also nach dem gemächlichen Frühstück dann also noch mal in die Stadt. Letzte Vorräte kaufen. Ich hab’s nicht verstanden, waren wir doch vorgestern und auch gestern einige Male im Ort unterwegs und hatten genug Gelegenheit zum Einkaufen. Aber wie gesagt: ich verstehe nicht mal die Hälfte und als gehorsames Besatzungsmitglied hinterfrage ich die Anweisungen unseres Skippers nicht. Meistens.

Brot – aber nicht irgendein Brot!

DIE richtige Bäckerei!

DIE richtige Bäckerei!

Gerald hatte noch den dringenden Wunsch, Brot zu kaufen. Nicht irgendein Brot. Er hat gewisse Vorstellungen, was seine Mahlzeiten angeht: Er ist ein Gourmet und steht dazu. Koste es, was es wolle. Lieber macht er woanders Abstriche. Wir streifen also durch Les Sables auf der Suche nach DER Bäckerei, die Brot nach Geralds Vorstellung backt. Schliesslich werden wir fündig: „Aux Doux Péché“ (zu deutsch etwa: „Die süße Sünde“) trifft Geralds Vorstellungen und wir kaufen Unmengen an Brot. Zusammen mit allen anderen Vorräten schleppen wir die neuen Einkäufe an Bord.

Auf dem Rückweg zum Schiff entdecke ich ein paar alte Bekannte, die ich erst im Januar zusammen mit Babsi kennen gelernt hatte: Da liegen die beiden Weltpremieren von Lagoon Katamarans, die die Werft in Düsseldorf ausgestellt hatte! Offenbar sind die Schiffe nach der Expo wieder zu Wasser gelassen worden und zurück nach Les Sables gefahren! Unschwer sind die beiden Schiffe an ihrer Aufschrift „Weltpremiere“ und „Deutsche Premiere“ zu erkennen:

Zwei alte Bekannte

Zwei alte Bekannte

Jetzt geht’s aber los!

Nachdem wir dann alle Vorräte an Bord verstaut haben, beginnen dann endlich die Vorbereitungen für die Abfahrt:

Alles, was außerhalb des Salons außen auf dem Schiff herumliegt, wird verstaut. Alle Klappen, Schränke und Schapps werden geschlossen und – falls möglich – verriegelt. Dennoch wundert mich, das verhältnismäßig viel draußen herumstehen bleibt. Erst später sehe ich, wie stabil ein Kat doch auf dem Wasser liegt. Es fällt nicht mal die kleine Espressokanne um, die eigentlich ständig auf dem Herd steht. Doch das soll ich erst später erkennen. Viel später.

In den letzten Tagen war ein reges Treiben um uns herum: Schiffe fuhren ab, neue Schiffe kamen hinzu. Scheinbar viele Neuauslieferungen, die hier in Les Sables noch auf die Wünsche der Käufer konfiguriert und fertiggestellt werden. Gestern fuhren unsere Nachbarn sogar ohne Mast ab. Ihr Ziel: Antwerpen. Dort erst treffen Schiff und Mast zusammen und werden dann per Frachter an ihr eigentliches Ziel in den USA gebracht und dort erst fertig montiert.

Das stetige Kommen und Gehen der Steg-Nachbarn hat dazu geführt, das das Ablegemanöver zu einem Balanceakt wird. Nur etwa ein halber Meter Platz ist vorne und hinten zum nächsten Schiff. Zu nah haben die anderen Kats um uns herum festgemacht. Wir beschließen kurzerhand, einen der beiden Kats etwas nach hinten zu bugsieren, lösen also seine Festmacherleinen etwas und schieben das ganze Koloss so weit von unserem Kat weg, das das Ablegen möglich wird.

Leinen los!

Dann heißt es: „Leinen los!“ und Philipp steuert den Kat aus seiner Parklücke, während die anderen Besatzungsmitglieder rund ums Schiff darauf achten, das wir nirgends anecken mit unserem guten Stück.

Die hafenausfahrt von Les Sables-d'Olonne

Die Hafenausfahrt von Les Sables-d’Olonne

Glücklich aus der Lücke heraus bugsiert können wir nun Fahrt aufnehmen und steuern zunächst die Ausfahrt des Hafens an, bevor wir dann mit Kurs auf Santander auf den offenen Atlantik, vielmehr auf die Biskayabucht hinaus fahren.

Les Sables verschwindet im Nebel

Les Sables verschwindet im Nebel

Das Wetter zeigt sich von seiner scheußlichsten Seite: eine geschlossene Wolkendecke, die stellenweise bis hinunter auf den Horizont hängt, lässt feinen Nieselregen auf uns herab rieseln und ich bin froh für mein neu angeschafftes Ölzeug, das nun ordentlich seinen Dienst tut und die Kälte und Nässe nicht bis zu mir durchdringen lässt. Das Meer ist unruhig und wir werden von den kurzen, harten Wellen ordentlich durchgeschaukelt. Trotz zweier Rümpfe. Nicht auszudenken, wie sich hier eine „normale“ Segelyacht verhalten würde.

Eine halbe Seemeile von der Küste setzen wir die Segel: zuerst wird das Großsegel hochgezogen. Der beständige, wenn auch recht schwache Wind aus West füllt das Segel und treibt das Schiff nun deutlicher nach vorne. Jetzt wird noch das Vorsegel, die sogenannte Genua, die am Bug in einer Wurst zusammengerollt ist, entfaltet und sorgt nun dafür, das der Wind im richtigen Winkel auf das Großsegel trifft, damit der für mich noch sehr geheimnisumwitterte Vortriebeffekt entsteht. „Ich sollte mich hier mal weiter bilden!“, denke ich noch, als mich plötzlich ein bekanntes und nicht erwünschtes Gefühl erfasst: ich spüre die ersten Anzeichen von Seekrankheit.

Örks.

Ich hatte so gehofft, die Stabilität des Katamarans würde mich vor diesem miesen Gefühl bewahren. Aber nun muss ich da wohl durch. Vieles habe ich schon darüber gelesen. Ein mal habe ich es auf dem Griechenland-Törn 2009 auch selbst erlebt. Aber nun wird mir mit jeder Minuter klarer: Das hier wird ne andere Nummer.

Auf den Horizont schauen hilft! Seekrankheit entsteht, weil das Gehirn nicht mit der Tatsache klarkommt, das die unmittelbare Umgebung stillzustehen scheint, das Innenohr über seine feine Sensorik aber die Bewegung des Schiffes meldet. Was folgt ist pure Verwirrung, die der Körper dann mit Übelkeit und Unwohlsein quittiert.

Genau das passiert grade bei mir. Mit jeder Minute wird mir schwummriger. Ich kann schlecht drinnen bleiben und beschließe, mich nach draußen zu setzen. Puh! Ein bisschen besser. Solange ich meinem Hirn über die Augen die Informationen liefere, die es gemäß der Bewegung erwartet, ist alles einigermaßen gut. Einigermaßen!

Irgendwann, keine Ahnung, wie lange ich draußen sitze, befällt mich bleierne Müdigkeit und ich habe den starken Drang, die Augen zu schließen. Und was soll ich sagen: Es hilft. Das blöde Gefühl wird weniger, der Körper hat eine Chance, sich wieder etwas zu beruhigen. Mein Organismus scheint sich zu entspannen.

Als ich die Augen wieder öffne, kommt das blöde Gefühl direkt wieder. Ich experimentiere in meiner Verzweiflung mit verschiedenen Punkten, die ich abwechselnd mit den Augen fixiere: der Schiffsboden, der Horizont, wie Wasseroberfläche. Bekomme von meiner Umgebung nicht mehr viel mit. Bin total auf diese Übelkeit und das Ausgeliefert-sein konzentriert.

Seekrankheit sucks!

Inzwischen sitze ich oben auf dem Steuerstand. Dort hat Gaetan mich hin geschickt. Er meinte, das sei der ruhigste Ort auf dem Schiff. Alle wissen, was ich gerade mitmache und zeigen großes Verständnis. Die drei lassen mich in Ruhe, frage nur ab und zu, ob ich was zu trinken wolle oder etwas knabbern. Nicht um mich zu ärgern. Leichte Kost hilft. Der Magen hat was zu tun und die Symptome werden kurz gedämpft, weil man sich auf das Futtern konzentrieren kann. Aber im Moment ist mir gar nicht nach Essen. Eher nach dem Gegenteil.

Als ich dann bemerke, wie mein Magen rebelliert und zum finalen Schlag ansetzt, gebe ich mich geschlagen und verziehe mich, mit einem Umweg über die Toilette nach unten. Vor morgen früh wird mich keiner mehr sehen. Ich leide in meiner Kabine still vor mich hin und warte, daß es vorbei geht.

Ich weiß noch nicht, daß es morgen viel besser sein wird.

By | 2016-08-05T06:52:27+00:00 Februar 24th, 2016|Allgemein, Törnbericht|1 Comment

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  1. […] Morgen hat das Warten definitiv ein Ende […]

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